Interview mit Francis Kurkdjian

Als Ausnahme-Parfümeur schuf Francis Kurkdjian bereits im Alter von 25 Jahren den Herrenduft „Le Male“ von Jean Paul Gaultier, der zu einem der meistverkauften Düfte weltweit wurde. Heute kreiert er für sein eigenes Maison und verrät im Interview mit Ludwig Beck, warum Parfüm nicht zwangsläufig in Flaschen verpackt werden muss.

Duftende Leidenschaft

Wann kamen Sie das erste Mal mit Parfums in Berührung?

FK: Als ich 14 Jahre alt war, las ich in einem französischen Hochglanzmagazin einen Artikel über Parfumeure. Das war eine richtige Offenbarung. Ich fand heraus, dass Modeschöpfer ihre Parfums gar nicht selbst kreieren, sondern dass das ein besonderes Handwerk ist, für das Experten engagiert werden. Parfum ist sehr eng mit Mode verstrickt; es ist dem Körper ja noch viel näher als ein Kleidungsstück. Parfum ist das ultimative, emotionale Accessoire, das Erinnerungen aufleben lässt und das einem auf eine unterschwellige und sinnliche Weise das Gefühl gibt, eine Frau bzw. ein Mann zu sein.

 

Wo finden Sie Ihre Inspirationen?

FK: Meine Inspiration schöpfe ich nicht aus den Inhaltsstoffen selbst. Vielmehr fokussiere ich mich zuallererst auf ein allgemeines Gefühl. Dann versuche ich, mir den finalen Duft vorzustellen. Ich träume erst meinen Duft und dann schreibe ich seine Formel. Der Name des Duftes steht dabei am Anfang, denn er fasst zusammen, was ich mit dem Parfum sagen will – wie der Titel eines Buches oder der Name eines Gemäldes. Der Name gibt mir eine Art Leitfaden, einen kreativen Weg, dem ich folge.

 

Dann erzählen Sie mit Ihren Düften also Geschichten!

FK: Ja, jeder Duft, den ich für meine eigene Linie entwickelt habe, hat eine eigene Geschichte. “Absolue pour le Matin” erzählt die Geschichte von Licht und Sonne, langem Ausschlafen, Baumwolle, Leinen und Kissen. Eine Geschichte, die ich in Anlehnung an die ersten Seiten des Romans “Bonjour Tristesse” von Françoise Sagan, entwickelt habe. Bei “Absolue pour le Soir” wiederum geht es um Sex, Drogen und Leder. Der Duft ist inspiriert vom Studio 54 in NYC und erinnert an die 70er. „APOM“ ist die Abkürzung für “A part of me” und wurde von meinen Reisen in den Libanon vor fast zehn Jahren inspiriert. “Lumière Noire” habe ich zu Ehren der französischen Schauspielerin Catherine Deneuve entworfen, für die ich übrigens auch einen persönlichen Duft entwickelt habe. “Lumière Noire” ist für mich die Verkörperung des französischen Stils. “Amyris“ steht für die mühelose Eleganz der Pariser Frauen und Männer.

 

Welche Geschichte steht hinter Ihrem letzten Duft Aqua Vitae?

FK: “Aqua Vitae” ist der Dialog zwischen zwei Menschen, die sich nahe stehen. Ein Parfum, das die Weichheit der Haut widerspiegelt und den Duft eines Menschen verkörpert, den man liebt. “Aqua Vitae” steht aber auch für die Einfachheit und die Schönheit des Lebens. „Aqua Vitae“ startet außergewöhnlich frisch. Nach und nach entwickelt sich der Duft sehr warm und sinnlich, ohne dabei zu süß oder pudrig zu sein.

 

Wann ist ein Duft für Sie vollkommen?

FK: Ein Duft ist für mich perfekt und komplett, wenn er zu dem passt, was ich mir im Geiste vorgestellt habe. Er ist dann perfekt, wenn er nach dem riecht, wovon ich so lange geträumt habe.

 

Ihre Arbeit bezieht auch künstlerische Projekte mit ein, indem Sie Installationen mit Ihren Düften untermalen…

FK: Meine olfaktorischen Installationen sind eine Möglichkeit, den Dialog zwischen der Öffentlichkeit und einem Ort herzustellen, indem man Duft als emotionales Medium benutzt. Meine Installationen in Versailles und meine Arbeit für Sophie Calle (für die ich den Duft von Geld kreiert habe) haben mich dazu angeregt, neue kreative Wege zu gehen und meine Rolle als Parfümeur offener zu sehen. Es gibt vieles, das man als Parfümeur machen kann, das endgültige Produkt muss ja nicht zwingend in einer Flasche daherkommen!